„Wenn wir zu viel retten und zu wenig erneuern, haben wir ein Problem!“

Diskussionsrunde "Resilient, Flexibel, Digital! Unternehmen im Krisenmodus und die Lehre für die Zukunft“

„Nicht die stärkste Art überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern die wandlungsfähigste.“

Das hat Charles Darwin bereits 1858 formuliert – und bringt damit auch die aktuellen Herausforderungen durch die Corona-Krise auf den Punkt. „Wir alle müssen die Welt neu lernen!“, postulierte etwa Keynote-Sprecher Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor und Geschäftsführer des WeltWirtschafts-Instituts Hamburg (HWWI), in seinem Impulsvortrag zum Auftakt. In der Diskussionsrunde live dabei: hochrangige Vertreter der regionalen Wirtschaft wie Dr. Jochen Köckler, Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Messe AG in Hannover, Marek Andryszak, Vorsitzender der Geschäftsführung von TUI Deutschland und Dr.-Ing. Frank Thielemann aus dem Vorstand der UNITY AG. 

Gemeinsam mit der Sparkasse Hannover hatte hannoverimpuls zu der Diskussion zum Thema „Resilient, Flexibel, Digital! Unternehmen im Krisenmodus und die Lehre für die Zukunft“ geladen. Die Nachfrage nach dem durch Corona-Maßnahmen beschränkten Platzangebot in der Sparkasse Hannover war riesig, rund 200 Teilnehmer*innen hatten sich zusätzlich per Youtube zugeschaltet. „Wir haben im März gleich am ersten Wochenende der Krise eine Task-Force gebildet und stecken als Wirtschaftsförderung all unsere Energie in die individuelle Beratung von Unternehmen. Nach der ersten Phase der Hilfe bei Soforthilfen ermuntern wir Betriebe jetzt vor allem, Programme aus dem Nachtragshaushalt für Investitionen und Innovationen zu nutzen“, beschreibt Doris Petersen, Geschäftsführerin von hannoverimpuls, den aktuellen Fokus von Hannovers Wirtschaftsförderung.

„Im Moment haben wir als Sparkasse Hannover mit nur acht Prozent Stundungsanträgen innerhalb unseres Kreditgeschäfts noch recht gute Zahlen. Aber die staatlichen Fördermaßnahmen laufen aus, die Liquidität wird sich verknappen – und wir werden in den nächsten zwei Jahren auch Insolvenzen sehen“, analysiert Mitgastgeberin Marina Barth, Vorstand der Sparkasse Hannover, die aktuelle Situation für besonders betroffene Branchen.

Wie hart die Corona-Krise Unternehmen zum Teil getroffen hat, beschreibt Dr. Jochen Köckler anschaulich für die Messe Hannover: „Wenn Sie beim Blick aus dem Fenster sehen, dass auf dem Gelände nur das Unkraut wächst, ist das frustrierend. Aber die Krise hat uns auch dazu gebracht, jetzt auch Messen als Hybrid-Veranstaltungen zu denken - und mit dem H’Up in Halle 18 umzusetzen. Das macht wieder Spaß, in diese Richtung hätten wir ohne Corona sicher noch lange nicht gedacht.“

Bekannte Wege verlassen, dazu fordert auch Prof. Dr. Henning Vöpel auf: „Wir stehen mit großen Themen wie Digitalisierung und Klimawandel in einem epochalen Umbruch, da wird die Welt unvorhersagbar.“ Das fordert von Menschen und Unternehmen aus seiner Sicht zum einen Agilität, aber auch Kooperation. Kooperationsfähigkeit habe schon immer den Erfolg der Spezies „Mensch“ ausgemacht.

Dr.-Ing. Frank Thielemann berät mit seinen Mitarbeitern der Unity AG Unternehmen bei Digitalisierungsprojekten. Corona ist für ihn vor allem der Katalysator, der in einer globalen Welt notwendige strukturelle Veränderungen beschleunigt: „Wir haben in den vergangenen fünf Monaten mehr Digitalisierungsergebnisse erreicht als in den gesamten fünf Jahren davor!“ Dass die Digitalisierung in Deutschland vor der Krise eher schleppend verlief, darin ist er mit dem Forscher aus Hamburg einig. So habe beispielsweise die Automobilbranche in den letzten zehn bis zwanzig Jahren einfach zu wenig getan, um den Strukturwandel abzubilden. Man dürfe diese Branchen jetzt zwar nicht kaputtmachen, aber Erneuerung müsse die Prämisse lauten, so Prof. Dr. Henning Vöpel: „Wenn wir zu viel retten und zu wenig erneuern, haben wir ein Problem!“

Wie wichtig die Digitalisierung in einer globalen Wirtschaftswelt nicht erst durch Corona ist, habe TUI Deutschland schon vor langem erkannt und sei bereits mitten im Prozess der Veränderung gewesen, als die Krise kam, erläutert Marek Andryszak, der per Video der Runde zugeschaltet war. Genauso wie der Messechef kann auch er einen Arbeitsplatzabbau nicht ausschließen, doch die Mitarbeiter*innen seien von der Notwendigkeit des Wandels genauso überzeugt wie die Geschäftsführung. Nie sei das Engagement des Teams so hoch gewesen wie seit Beginn der Krise. „Man kann keine Jobs sichern, die im Strukturwandel eh verschwunden wären“, ergänzt Dr. Ing. Frank Thielemann, „doch es werden ebenso neue Jobs entstehen!“

Auch wenn alle Redner überzeugt sind von der Digitalisierung, so war doch eins einmütig klar: Physische Treffen – ob bei einer Messe, auf Reisen oder in den von hannoverimpuls unterstützten Netzwerken – werden immer ihren Wert behalten. Der TUI-Deutschland-Chef geht sogar noch einen Schritt weiter: „Die Menschen werden auch auf jeden Fall wieder reisen!“ 
Die Veranstaltung wurde von Christina von Saß moderiert.


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