Das war die Zukunftswerkstatt Einsamkeit
Einsamkeit gehört zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Sie betrifft Menschen in allen Lebensphasen – junge Erwachsene, Studierende, Alleinerziehende, Neuzugewanderte, Menschen mit Behinderung und Senior:innen. Oft bleibt sie unsichtbar, wird spät erkannt und selten offen angesprochen.
Mit der Zukunftswerkstatt „Einsamkeit“ hat das Social Innovation Center der Region Hannover gemeinsam mit der Hochschule Hannover, NEXSTER – dem Entrepreneurship Center der Hochschule Hannover – und zahlreichen Praxispartnern einen Raum geschaffen, in dem genau diese Herausforderung im Mittelpunkt stand:
- Wie können wir Einsamkeit besser verstehen – und neue, alltagstaugliche Lösungen entwickeln?
Am 15. und 16. Januar 2026 kamen im Tagungshaus der Katholischen Akademie Hannover rund 70 Teilnehmende aus Verwaltung, Sozialwirtschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um mit der Innovationsmethode Design Thinking neue Ansätze gegen Einsamkeit zu erarbeiten.
Ein gesellschaftlich relevantes Thema: Warum Einsamkeit im Fokus steht
Einsamkeit ist kein Randphänomen. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung regelmäßig Einsamkeit erlebt – mit weitreichenden Folgen für psychische und körperliche Gesundheit, soziale Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Besonders betroffen sind unter anderem:
- junge Menschen in Übergangsphasen
- Studierende am Beginn ihres Studiums
- Alleinerziehende
- Neuzugewanderte
- Menschen mit Behinderung
- ältere Menschen im Ruhestand oder in Pflegekontexten
Ziel der Zukunftswerkstatt war es, diese unterschiedlichen Lebensrealitäten sichtbar zu machen und gemeinsam neue Lösungen zu entwickeln – praxisnah, kreativ und interdisziplinär.
Methodischer Rahmen: Design Thinking als Innovationsmethode
© Saskia Stöhr
Die Zukunftswerkstatt wurde geleitet von Prof. Gunnar Spellmeyer (Hochschule Hannover) und basiert auf der Methode des Design Thinking. Diese nutzerzentrierte Innovationsmethode stellt nicht vorschnell Lösungen in den Mittelpunkt, sondern beginnt mit dem tiefen Verständnis der Menschen, ihrer Bedürfnisse und ihrer Lebensrealitäten.
Der Arbeitsprozess gliederte sich in mehrere Phasen:
- Verstehen und Beobachten
- Analyse der Problemstellungen
- Ideengenerierung
- Entwicklung von Prototypen
- Ausarbeitung und Präsentation der Konzepte
Der inhaltliche Auftakt: Einsamkeit im gesellschaftlichen Kontext
© Saskia Stöhr
Zum Einstieg hielt Mirjam Dierkes, Leiterin des Kompetenznetz Einsamkeit, eine Keynote zum gesellschaftlichen Ausmaß von Einsamkeit. Sie zeigte auf, wie verbreitet Einsamkeit in Deutschland ist und welche strukturellen Faktoren sie begünstigen – von demografischem Wandel über soziale Ungleichheit bis hin zu digitalen Lebenswelten.
Der Impuls schuf einen gemeinsamen Bezugsrahmen für die folgenden Arbeitsphasen und verdeutlichte:
Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles Thema, sondern eine gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe.
Die Interviewphase: Praxiswissen als Ausgangspunkt
Zentraler Bestandteil der Zukunftswerkstatt war die Interviewphase mit eingeladenen Expert:innen und Praktiker:innen aus unterschiedlichen Themenfeldern. Sie berichteten aus ihrer täglichen Arbeit und aus persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Einsamkeit.
Vertreten waren unter anderem:
- Jugendberatung
- Jugendberufshilfe
- Hochschulverwaltung
- Behindertenhilfe
- Besuchsdienste für ältere Menschen
- Initiativen für Alleinerziehende
- Engagement im Migrationskontext
Die Interviews ermöglichten den Teilnehmenden einen tiefen Einblick in:
- typische Entstehungssituationen von Einsamkeit
- bestehende Versorgungslücken
- Hürden beim Zugang zu Hilfsangeboten
- strukturelle Ursachen sozialer Isolation
Auf dieser Grundlage bildeten sich acht interdisziplinäre Teams, die jeweils ein konkretes Themenfeld bearbeiteten.
Neun innovative Ideen gegen Einsamkeit
Über zwei intensive Tage hinweg entwickelten die Teams insgesamt neun Lösungsansätze für unterschiedliche Zielgruppen und Lebenslagen:
NoLonely – Unterstützung für Alleinerziehende
Ein Buddy- und Unterstützungsnetzwerk zur praktischen Entlastung und emotionalen Begleitung im Alltag.
Ruhenetz – Ankommensorte für Neuzugewanderte
Ein Netzwerk aus sicheren „dritten Orten“ mit Ruhe, Begegnung und niedrigschwelliger Stabilisierung.
FindUs – Vernetzung für Menschen mit Behinderung
Eine Plattform zur selbstwirksamen Vernetzung nach Interessen und gemeinsamen Projekten.
LIR Box – Prävention beim Renteneintritt
Ein Begleitkonzept für den Übergang in den Ruhestand mit sozialen Projekten und neuen Rollen.
Der Knopf – Nachbarschaft im Wohnhaus sichtbar machen
Ein analog-digitales Signalsystem für Hilfe, Unterstützung und Aufmerksamkeit im Wohnumfeld.
OFF-ROOMS – Erlebnisräume für Jugendliche
Emotionale Bildungsräume, in denen Gefühle kreativ, körperlich und freiwillig erlebbar werden.
HEAR – nicht allein
Ein kostenloses Gesprächsangebot für junge Erwachsene mit Leistungsbezug und sozialer Isolation.
uni gini – Begegnung für Studierende
Eine digitale Plattform, die Interessen sichtbar macht und Hemmschwellen vor realen Treffen abbaut.
JUBILINE – Mobile Begegnungsräume für Senior:innen
Umgestaltung von Straßenbahnen und Haltestellen zu Orten der Begegnung und kulturellen Teilhabe.
Auszeichnung des Siegerprojekts: JUBILINE
Die Jury zeichnete die Idee JUBILINE mit einem Sonderpreis aus.
JUBILINE verbindet Mobilität, Teilhabe und Begegnung, indem Straßenbahnen zu mobilen Treffpunkten werden und Haltestellen als kulturelle Aktionsorte dienen. Senior:innen gestalten Angebote aktiv mit und werden zu sichtbaren Akteur:innen im öffentlichen Raum.
Die Jury überzeugte insbesondere:
- die hohe Alltagstauglichkeit
- die kreative Nutzung bestehender Infrastruktur
- der respektvolle Blick auf ältere Menschen als Mitgestaltende
Interdisziplinäre Jury und wertschätzendes Feedback
Am zweiten Tag präsentierten alle Teams ihre Konzepte vor einer interdisziplinär besetzten Jury aus Politik, Verwaltung, Sozialwirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Die Jury stellte Rückfragen, gab ausführliches Feedback und würdigte die Qualität der entwickelten Ansätze.
Besonders hervorgehoben wurden:
- die Nähe zu realen Lebenssituationen
- die Niedrigschwelligkeit vieler Konzepte
- die Kombination aus sozialer Wirkung und Umsetzbarkeit
Ein Format mit Wirkung
Die Zukunftswerkstatt „Einsamkeit“ zeigte eindrucksvoll, wie wirkungsvoll partizipative Innovationsformate sein können:
- unterschiedliche Perspektiven treffen aufeinander
- Praxiswissen wird systematisch nutzbar gemacht
- Ideen entstehen aus realen Bedarfen
- gesellschaftliche Innovation wird konkret
Viele Teilnehmende berichteten von neuen Netzwerken, frischen Perspektiven und dem Wunsch, die entwickelten Ideen weiterzuverfolgen.
Das Social Innovation Center der Region Hannover
Das Social Innovation Center der Region Hannover fördert soziale Innovationen und gemeinwohlorientierte Gründungsvorhaben. Mit Formaten wie der Zukunftswerkstatt werden gesellschaftliche Herausforderungen systematisch aufgegriffen und gemeinsam mit engagierten Akteur:innen neue Lösungsansätze entwickelt.
Die Zukunftswerkstatt „Einsamkeit“ ist Teil dieser Mission:
Gesellschaftliche Herausforderungen nicht nur analysieren, sondern gemeinsam gestalten.
Kontakt
Berit Lüdecke
Region Hannover
Beschäftigungsförderung
Fachbereich Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung
Raphael von Galen
Region Hannover
Beschäftigungsförderung
Fachbereich Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung